Leitzinsen

Leitzinsen

Spätestens seit der durch die Lehman-Pleite ausgelöste Finanz- und Wirtschaftskrise ist der Begriff Leitzins in aller Munde. Aber was sind Leitzinsen eigentlich? Und warum ist die Leitzinsentwicklung so wichtig für Sparer, Anleger und Darlehensnehmer?

Der Begriff Leitzins ist zunächst einmal ein Sammelbegriff für unterschiedliche wichtige Zinssätze, darunter der Hauptrefinanzierungssatz der Europäischen Zentralbank (EZB), die Repro Rate der Bank of England und die Federal Funds Rate der US-Notenbank Fed.

Dahinter versteckt sich nichts anderes als der jeweilige Hauptrefinanzierungszins der Geschäftsbanken: Er gibt an, zu welchen Konditionen sich Kreditinstitute bei Zentral- und Notenbanken Geld leihen können. Das wiederum hat Einfluss auf den Zinssatz, den die Geldhäuser ihren Kunden gegenüber gewähren. Deshalb gelten Leitzinsen auch als wichtiges Steuerungselement der Geld- und Kapitalmärkte.

Für deutsche Sparer, Anleger und Darlehensnehmer ist insbesondere der Europäische Leitzins der EZB von Bedeutung. Ebenfalls einen mehr oder weniger großen Einfluss üben der US-amerikanische Leitzins und immer mehr auch die Leitzinsen des asiatischen Raumes aus.

Aktuelle Leitzins-Situation

Entwicklung EZB LeitzinsenWie schnell eine finanzpolitische Entwicklung drehen kann, konnte man sehr gut in diesem Jahr beobachten:

Im April 2011 hob die Europäische Zentralbank den Leitzins um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent an, im Juli folgte die nächste Leitzinserhöhung auf 1,5 Prozent. Diesen nicht unumstrittenen Zinsschritt hatte der damalige EZB-Präsident Trichet zu verantworten. Er begründete ihn mit den Inflationstendenzen im Euroraum, denen entgegen gewirkt werden sollte.

Nicht einmal sechs Monate später sieht die Situation vollkommen anders aus: Nach einer Leitzinssenkung um 25 Basispunkte Anfang November erfolgte am 08. Dezember eine ebenso große Leitzinssenkung. Der Referenzzinssatz liegt damit wieder auf demselben Niveau wie zu Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009.

Für die verschuldeten europäischen Staaten bedeutet die heutige Zinssenkung, schneller bezahlbare Kredite zur Sanierung ihrer Finanzen zu erhalten. Auf Sparer und Anleger könnte sich die zweite Senkung binnen 30 Tagen jedoch negativ auswirken – sie müssen mit fallenden Sparzinsen rechnen. Sofern die EU-Staaten ihre Finanzprobleme nicht in den Griff bekommen und das Inflationsrisiko nicht maßgeblich steigt, könnte in den ersten beiden Quartalen des  neuen Jahres eine weitere Leitzinssenkung folgen.

Steigende Leitzinsen

Steigende Leitzinsen sind Mittel der Wahl, um eine wachsende Inflationsgefahr einzudämmen. Sie deuten auf eine restriktive Geldpolitik der jeweiligen Zentral- und Notenbanken hin.

Steigt der Leitzins, wird es für Geschäftsbanken teurer, sich bei Zentral- und Notenbanken mit Geld zu versorgen. In der Folge setzen sie dabei wieder mehr auf ihre Kunden. Damit die ihnen Geld zur Verfügung stellen, erhöhen sich die Zinsen für kurz- und mittelfristige Geldanlagen wie z.B. Tagesgeld oder Festgeld. Auch Zinspapiere werden mit steigenden Leitzinsen attraktiver.

Der Nachteil: Steigt der Leitzins, verteuern sich auch Kredite bzw. Darlehen - für Privatkunden ebenso wie für Unternehmen. Privatkunden haben die Möglichkeit, bei einer drohenden Leitzinserhöhung ein Forward-Darlehen abzuschließen, das ihnen den günstigeren Zinssatz sichert, bis sie das Darlehen abrufen. Für Unternehmen bedeuten teurere Kredite vor allem, dass sich über kurz oder lang ihre Kosten für die Aufnahme von Fremdkapital erhöhen.

Damit verringern sich Gewinne - allein die Aussicht darauf führt zu weniger stark steigenden, stagnierenden oder sogar fallenden Kursen für börsennotierte Unternehmen. In der Folge kommt es zu seitwärts verlaufenden oder fallenden Aktienmärkten. Ein schwächelndes Wirtschaftswachstum kann dadurch vollständig abgewürgt werden. 

Sinkende Leitzinsen

Sinkt ein Leitzins, deutet dieser Schritt auf eine expansive Geldpolitik der jeweiligen Zentral- oder Notenbank hin. Ziel ist es, Kredite zu verbilligen und damit die Konjunktur anzukurbeln. Sinkt der Leitzins, ist es für Banken einfacher, sich mit billigem Geld zu versorgen.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Leitzinssenkung in den USA infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise - hier konnten sich Banken praktisch zum Nulltarif mit frischem Geld versorgen. Folge einer solchen Entscheidung ist, dass die Verzinsung für kurz- und mittelfristige Geldanlagen wie Tages- oder Festgelder relativ rasch sinkt.

Zinspapiere büßen damit ebenfalls an Attraktivität ein. Andererseits sinken damit auch Darlehenszinsen für Verbraucher und Unternehmen, wenn auch nicht umgehend. Zumindest theoretisch (dann nämlich, wenn die Banken die niedrigeren Zinsen an ihre Kunden weitergeben) ist es für Unternehmen damit günstiger, sich mit frischem Kapital zu versorgen. Ihre Kosten sinken, Gewinne können wachsen, an den Börsen geht es wieder bergauf.

Nicht unterschätzen sollte man dabei jedoch die Effekte internationaler Geldpolitik und Finanzströme. Zum einen können sich Aktienmärkte aufgrund von regionalen oder globalen Konjunkturaussichten von der Entwicklung der Leitzinsen abkoppeln. Zum anderen haben Leitzinsänderungen in einem Währungsraum auch immer Auswirkungen auf andere Währungsräume. Wächst die Zinsschere zwischen zwei Wirtschaftsräumen, hat das Auswirkungen auf die Landeswährungen - und damit auch Auswirkungen auf Im- und Exporte.

Weiterführende Informationen:

Tagesgeld im Vergleich - der unabhängige Test von zinsen.com